Was machst Du mit meinem Stück? oder: Was mach ich mit dem Loch?
Es gibt so Geschichten, von denen ist der Verfasser recht unbekannt. Die kursieren so rum. Heutzutage findet man sie recht schnell im Internet. Und die sind schön. Die stecken voller Lebensweisheit und kluger Worte. Ich mag solche Geschichten, aber nur wenn ich grad nicht persönlich davon tangiert werde. Dann lese ich mir die durch und denke:” Oja, genau so. Das ist total klug. So sehe ich das jetzt auch.” Ja, und wehe, die positiven Tage werden abgelöst von den grübelnden Tagen, an denen die Sonne zwar scheint, aber die Gedanken finster sind. Dann fällt es natürlich schwer, die Weisheit dieser Geschichte vollends zu verinnerlichen.
Also, eine dieser Geschichten ist “Das perfekte Herz”.
Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: “Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines.” Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.
Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken…. Genau gesagt, an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: “Du musst scherzen”, sagte er, “dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.”
“Ja”, sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde… und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?”
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.
Ist ja ganz schöner Splatter. Zwei Männer reißen sich Teile aus ihrem Herzen. Und natürlich hat der alte Mann recht mit allem was er sagt. Nur einen Satz find ich echt doof. Der alte Mann sagt, er wartet darauf, dass diese Menschen, für die er ein Stück Herz rausgerissen hat, irgendwann zurückkommen. Warum denn das? Das kann ich mir ja nicht vorstellen. Vielleicht fehlt mir da die Weisheit des Alters. Naja, mir fehlt ja auch sonst so einiges. Aber ansonsten ist das schon eine schöne Geschichte. Kurz, aufs Wesentliche fokussiert und prägnant, stark an Bildern. Also, durchaus formale Kriterien, die dazu beitragen könnten(!), dass dadurch der tiefere Sinn verinnerlicht werden könnte(!). Der da wäre? Nun ja, ich deute das mal so: Der alte Mann hat vermutlich soviel Mist erlebt mit Frauen. Daneben gehts nicht nur um erotische Liebe und Liebe als Fundament von zwischengeschlechtlichen Beziehungen, sondern ja bestimmt auch Liebe familiärer, spiritueller und freundschaftlicher Natur. Ganz viel Liebe, ganz viel Mist. Deshalb hat er so einige Löcher im Herzen. Aber im nachhinein bereut er kein einziges Loch
Jedes Loch erinnert ihn daran, dass er geliebt hat und lieben heißt leben. Liebe heißt Risiko, Angst, Sehnsucht, Wohlergehen und auch Schmerz. Jedes Loch erinnert ihn an sein Menschsein.
Ich hab da ja auch so einige Leerstellen (Nein, ich mag nicht mehr von Löchern reden.) Und natürlich machen die aus der Rückbetrachtung (teilweise) Sinn. Manche sind klein und unauffällig, manche schon etwas größer. Ich frag mich ja nur, ob ich als alte Frau irgendwann in den Spiegel schauen kann und sage:”Mein Herz ist verfranst, es hat Leerstellen und Narben. So ist es perfekt!” Vermutlich. Vielleicht. Aber aufgepasst. Zu viele Leerstellen sind auch nicht gut, denn irgendwann ist so ein Herz aufgebraucht. Dann ist nur ein kleines Stückchen übrig. Wir sollten immer aufpassen, wie schnell wir ein Stück rausreißen, weil wir denken, wir könnten es eintauschen. OK, das hat der alte Mann ja auch nicht so gesehen. Er redet ja von Risiko. Also er hat rausgerissen und verteilt und manchmal kam nix zurück.
Dahinter steht natürlich auch die Denkweise, wie wir Liebe generell betrachten. Mir hat mal gesagt, ich denke ich Handelskategorien. Geben-nehmen, am Ende muss die Bilanz stimmen. Mmh….
Mein erster Impuls, diesen Eintrag zu beenden, war: Alle die ein Stück Herz haben (und weswegen ich ein Loch habe) sollen gut drauf aufpassen. Jetzt überlege ich noch ein bisschen. Also, alle die ein Stück haben können damit machen was sie wollen, irgendwann ist es hoffentlich verfault und kaufen können sie sich damit auch nichts mehr.



























Oktober 10th, 2010 at 20:21
Ey! Isch geb disch Stück von mein Herz und dann – aufgepasst! – kommt Trick: Isch lass einfach nachwachsen! Herz is nicht erschöpfbar – es ist unendlich. Und manchmal, wenn man etwas abgibt, kommt nicht dieselbe Menge zurück, sondern vielleicht sehr viel mehr. Overkill 9000.
Man hat mir auch mal gesagt, Liebe ist ein Geschenk. Keine Handelsware. Man kann nicht dafür arbeiten, man kann sie nicht einklagen, man kann sich nicht dafür bedanken, indem man re-liebt. Ich finde, wir sollten aufhören, vom Herzen als Stück Fleisch zu denken. Ich glaube, ich denke eher an einen Farbeimer. Manchmal kommt viel helle, fröhliche Liebesfarbe raus, manchmal viel dunkle stinkende Hasspampe. Manchmal füllen andere Leute und sogar die ganze Welt mein Herz auch mit ihrer eigenen Dreckspampe, so dass man irgendwann übervoll ist und einfach übersprudelt. Dann muss der ganze Rotz erstmal raus und dann kann man wieder eigene positive Liebe nachproduzieren.
Also: Ich fang dann schon mal an! *lulz* Was ist mit dir?
Oktober 10th, 2010 at 21:23
Juchu! Endlich ein Kommentar!
Das mit dem Nachwachsen hab ich gar nicht bedacht! Überhaupt nicht! Aber warum auch nicht?
Und das Farbeimer-Bild ist auch gut. Im Mittelalter gabs ja auch Körpersäfte-Lehre.
Dann haben manche von mir kein Stück Fleisch bekommen, sondern eine Dosis aus dem Farbeimer. Und irgendwann finde ich eine Möglichkeit, wie ich mir was und wie zurückfließen lasse. Das hat sowas Nährendes. *gefällt mir*
Oktober 12th, 2010 at 20:22
Dat wird schon mit der Liebe. Bin gestern auch extrem enttäuscht worden und sage jetzt: Besser jetzt aufhören, als hinterher wieder jahrelang weinen. Das habe ich nicht verdient. Ich sprudel jetzt erstmal rosa Liebe in mein Blog. So!
Oktober 18th, 2010 at 11:14
also: ich halte es bei der Liebe, denn das ist doch das Thema hier, eher wie mit dem Wissen. das Herz ist nur ein antiquiertes Symbol für die Liebe, weil man vor einigen hundert Jahren nach einer physischen Verortung suchte. nun, Wissen soll ja die einzige Ressource sein, die sich vermehrt, wenn man sie teilt. ich denke aber, dass das genau so mit der Liebe funktioniert. also ist es eine weitere Ressource, oder eine Art von Wissen. wie auch immer, darüber könnte man ja ganze Bücher oder Blogs schreiben.
Liebe vermehrt sich also, wenn man sie teilt. also gehet hin und teilet die Liebe auf das sie wachse und gedeihe. achtet mal nicht so sehr auf die Bilanzen. denn diejenigen, die auf die Bilanzen achten, achten ja eigentlich vielmehr auf die Gewinn- und Verlustrechnung. und hier müssen wir nicht orten, sondern an alle verteilen, so dass von allen Seiten auch wieder was zurück kommt. so sollte das eigentlich auch bei der Währung sein. aber auch das ist wieder ein eigenes Fass.
make love!
Oktober 18th, 2010 at 11:22
Ja, ich würde gern Liebe teilen, aber da steh ich oft allein da. Mit diesem Wissen.
Gewinn- und Verlust ist (leider) genau der Gedanke dabei gewesen. Ganz schön egoistisch.