Eine Frau schweigt und alle wollen mit ihr reden!
Therese hört einfach auf zu sprechen. Sie redet nicht mehr. Nicht bei der Arbeit, nicht mit Freunden und auch nicht mit ihrem Freund. Eine Erklärung dafür bekommt keiner, schon gar nicht von Therese. Sie schweigt weiter. Tage und Wochen. Ärzte untersuchen sie, aber körperlich fehlt ihr nichts. Schließlich landet sie in einer Klinik. Einzeltherapie, Gruppentherapie. Sitzungen mit Therese und ihrer Mutter, Gruppensitzungen mit anderen Patienten. Therese schweigt. Dafür reden die anderen. Sie reden auf Therese ein, sie versuchen Antworten zu finden. Thereses Mutter erzählt, das Kind hatte eine glückliche Kindheit. Doch dann macht sie sich selber Vorwürfe: Habe ich Therese zu sehr mit meinen Problemen erdrückt? Therese bleibt eine Antwort “schuldig”, doch ist die Frage wohl schon selber Antwort genug. Thereses Vater wird hinzugezogen. Er und die Mutter sind schon lange getrennt. Durch die Sitzungen finden sie wieder ein gutes Verhältnis zueinander. Therese schweigt. Wochenlang nimmt sie an Gruppensitzungen teil. Eine Patientin setzt sich neben Therese, redet ihr zu, ermuntert sie. Ein anderer Mitpatient beschwert sich, dass Therese durch so einen minimalen Aufwand, soviel Aufmerksamkeit bekomme.
Thereses Mutter erzählt von der ersten großen Liebe ihrer Tochter. Der Arzt möchte diesen Ex-Freund hinzuziehen. Therese reagiert etwas ungehalten, ein Ruck durchfährt sie, sie steht auf und geht aus dem Arztzimmer. Der Arzt bejubelt diese (Re)-Aktion(?). Er verstehe das als Signal, ein Signal endlich das Schweigen zu durchbrechen. Er redet Therese zu, sie solle sich auf ihre Kraft besinnen. Therese schweigt. Vielleicht hatte sie auch einfach keinen Bock mehr zuzuhören. Das Zusammentreffen mit dem Ex-Freund bewirkt auch keine “Besserung”(?) Therese schweigt, nein, sie versagt sich vollkommen der Kommunikation: keine Mimik, keine Gestik.
Das Umfeld reagiert immer gereizter und mit Unverständnis. Doch in der Art und Weise wie sie auf Therese einreden und was sie alle selber erzählen kommt man zu dem Schluss: Vielleicht wurde vorher einfach zu viel geredet. “Zerredet” nennt es einer und Thereses Ex-Freund bringt er auf den Punkt, warum Worte manchmal nicht immer das wahrhaft Richtige oder Angemessene sind: “Wie hätten wir miteinander sprechen können, ohne uns zu beschädigen?”
Bei dem Satz war ich wieder hellwach. Die Geschichte von Therese stammt aus einem Hörspiel, das im Radio lief. “Tacet 2″ von Paul Plamper. Ich höre Hörspiele ziemlich gerne beim Einschlafen. Selten hat mich aber ein Hörspiel so beschäftigt und schließlich vom Schlafen abgehalten. Therese ist so ganz anders als ich. Ihr “hypothropher Individualismus” (O-Ton eines Mitpatienten) ist ungeheuerlich. Ihr Verweigerung mit anderen zu kommunizieren hat mich verwirrt und mir gleichermaßen imponiert. Naja, vielmehr hat mich die Reaktion der Umfelds fasziniert. Dieses Bitten, Flehen, diese Vorwürfe, diese Wut, weil Therese nicht mit der Mutter, dem Vater, dem Freund etc. spricht. Wie kann sie nur? Sie hatte doch alle Freiheiten?! Sie hatte doch Freunde? Sie hatte doch Alles??? Alle wollen ihr helfen. Sie spekulieren, sie interpretieren, sie wollen das einfach verstehen. Sie wollen Therese verstehen. Oder wollen sie nur selber Gewissheit, dass sie nicht für diesem ‘schlimmen, schlimmen’ Zustand verantwortlich sind. Könnten sie das überhaupt? Therese schweigt. Die Ärzte kapitulieren irgendwann. Der Chefarzt entlässt Therese mit den Worten, sie könne wiederkommen und Hilfe bekommen, wenn sie ein konkretes Anliegen formuliere.
Therese bekommt daraufhin einmal im Jahr Besuch von einem Sozialarbeiter. Er begutachtet die Wohnung, er stellt Therese ein paar Fragen, die er blitzschnell abhakt (denn sie antwortet ja nicht) und verabschiedet sich mit dem Hinweis, sie sehen sich in einem Jahr wieder. Therese geht einkaufen, die Kassiererin bedankt sich für den Einkauf, der Nachbar im Treppenhaus begrüßt sie mit einem kurzen “Hallo”. Therese schweigt. Dennoch hört sie regelmäßig ihren Anrufbeantworter ab. Ehemalige Patienten melden sich, ebenso die in den Urlaub geflüchtete Mutter. Therese hört sich ihre Nachrichten an, aber Antworten gibt sie nicht.
Ist Therese nun glücklicher? Ist Therese einsamer? War Therese vorher einsam? Ist sie nun freier? Ich muss an Watzlawick denken: Man kann nicht nicht-kommunizieren! Auch Thereses Schweigen erzeugt doch auch Kommunikation. Oder nur Reaktion? Die Menschen reagieren auf das Schweigen mit endlos langen Erkärungsversuchen, Vorwürfen oder ausgesprochenen Wortblasen. Hätte Therese wieder geredet, wenn die anderen einfach auch mal den Mund gehalten hätten?
Ich finde Thereses Geschichte unheimlich. Ich musste es erst lernen, dass ich bestimmte Dinge von mir aus und direkt anspreche. Selber aktiv werden, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die jedem zusteht. Oder um sich Luft zu machen, Gewissheit zu bekommen etc. Thereses Verhalten stellt das ganze Umfeld auf den Kopf. Alle sind bemüht, alle wollen kommunizieren. “Wie hätten wir miteinander sprechen können, ohne uns zu beschädigen?” Dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht muss man manchmal einfach Dinge hinnehmen, ebenso wie man Thereses “ungeheuerliche Verweigerung” hinnehmen muss. Durch Sprache kann man Dinge benennen, kann sie greifbarer und konkreter machen. Es kann aber auch komplett umschlagen: Durch Sprache kann man vieles kaputt machen. Man benutzt Worte, um Dinge zu ordnen. Man interpretiert wie bescheuert bestimmt Worte. Oft solange bis von dem eigentlich gemeinten Sinn nichts mehr übrig bleibt. Das hat die Yennefa doch schon vor Wochen mal gesagt! Huhu!
Und auch bei dieser Geschichte bin ich bemüht, das alles für mich greifbarer zu machen. Ich weiß noch nicht zu 100% was mich genau daran so fesselt. Was mir besonders gefällt (diese Kraft? diese Konsequenz?) oder was mir vielleicht Angst macht. Die Befürchtung, dass eben nicht alles wirklich irgendwann zusammenpasst und man sich einfach gelassen mit manchen Dingen zufrieden geben muss? Ich muss es aber rausfinden, sonst lässt es mir ja doch keine Ruhe. Ich muss doch sagen können, was es mit mir macht?



























Oktober 20th, 2010 at 21:17
offtopic: Na, wat fehlt hier seo-technisch?
/offtopic
Ich habe mir auch schon oft gewünscht, einfach nicht mehr den Mund aufzumachen. Nicht mehr, nie wieder zu sprechen. Das scheint mir auf eine gewisse Art unheimlich angenehm. Nur noch zuhören, sich seine eigenen Gedanken machen. Nicht mehr aufpassen müssen, was man wem wie sagt. Obwohl alle um einen herum vielleicht auf einen einzureden versuchen, würde sich sicher bald eine enorme Ruhe einstellen, weil die Worte sich so unglaublich oft wiederholen würden, dass man sie schon bald ausblendete. Zumindest stelle ich mir das so vor. Ob man (ich?) dann einsamer wäre als zuvor? Man weiß es nicht. Aber dann denkt man auch daran: Wie soll man einer normalen Arbeit nachgehen? Wie gestaltet sich das Leben? Darf man auch nicht mehr singen? Ich glaube, ich bleibe beim Sprechen und versuche lieber immer und immer wieder, bis zum Ende meines Lebens, den schmalen Grat zwischen Erklärung und Rechtfertigung, Nähe und Ferne, Liebe und Hass und Indifferenz mit Worten zu finden. Das kann ich, das bin ich, das mache ich.
Oktober 20th, 2010 at 21:37
Seo-technisch? Tags? Mmh….ich hab nur so Halbwissen von so Sachen. *denk*denk*denk*…ach ja, klar. nen Link. Da dachte ich ja dran, aber dann dachte ich “Das war ja ne Facebook-Nachricht. Da kann ich ja nicht drauf verlinken.” Aber das is ja Quatsch. Ich bin ein verpeilter Mensch. Helfen wir mal seo-technisch nach.
Das mit dem Singen kam mir auch in den Sinn. Auch denke ich, dass man sich ja auch manchmal räuspern MUSS. Und das mit den Wiederholen stimmt auch. Die haben sich irgendwann alle wiederholt. Das war enorm. Und wenn einer nicht mehr WILL, dann kann man reden, reden, reden.
Es wäre aber vielleicht mal ein Experiment wert. So zwei Tage. Mal schauen, vielleicht starte ich nen Selbstversuch. Manchmal bin ich ja auch zwei Tage am Stück zu Hause und rede wenig. Das versuch ich mal in der Welt da draußen. Ansonsten ist das mit Gratwanderung schon das auch von mir angestrebte Ziel. Is manchmal aber wirklich anstrengend mit den vielen Pansen, die da wandeln.
Oktober 20th, 2010 at 22:10
Einfach alle wegcocken. 80 % der Menschen sind gott- und mutterverfickte Wixer. Auf die ist geschissen.
Bin gespannt, wenn du den Selbstversuch tatsächlich umsetzt.
P. S.: Link setzen war natürlich die richtige Antwort! :3 Sehr gut!